Vitamin D für Unternehmer: Warum fast 60 % der Schweizer zu tief liegen – und was die Kapsel wirklich bringt
- theprogressivenet
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Du sitzt im November um 07:30 Uhr im Auto Richtung Büro. Es ist dunkel.
Um 18:30 Uhr fährst du zurück. Es ist wieder dunkel.
Dazwischen liegen zehn Stunden hinter Glas – Meetings, Bildschirm, Kunstlicht. Deine Haut hat an diesem Tag exakt null Minuten direktes Sonnenlicht gesehen. Und das war nicht der schlimmste Tag. Das war ein völlig normaler Tag.
Irgendwann im Januar merkst du es dann: Die Energie ist flach. Das Training fühlt sich schwerer an, obwohl die Gewichte gleich geblieben sind. Du bist zum zweiten Mal in acht Wochen erkältet. Und jemand sagt dir: "Lass mal dein Vitamin D checken."
Du machst den Test. Der Wert ist tief. Du kaufst Tropfen in der Apotheke.
Und dann? Passiert erstaunlich wenig.
Genau hier beginnt das Missverständnis, das ich bei Unternehmern und Führungskräften in Adliswil immer wieder sehe. Vitamin D ist real. Der Mangel in der Schweiz ist real. Aber die Erwartung, die viele an eine Kapsel knüpfen, hält der Studienlage nicht stand – und die grösste Studie dazu kam ausgerechnet aus Zürich.
In diesem Artikel bekommst du die ehrliche Version: was Vitamin D nachweislich kann, was es definitiv nicht kann, welche Dosis für dich sinnvoll ist, und warum der Hebel, den du wirklich suchst, nicht in der Apotheke steht.
Das Hauptproblem: Du lebst acht Monate im Vitamin-D-Winter
Die Zahl, die die meisten überrascht: In einer Untersuchung an 1'682 unselektierten Patientinnen und Patienten aus Schweizer Hausarztpraxen lagen 59,2 % unter dem Schwellenwert von 50 nmol/l – also im Bereich, den man als Vitamin-D-Mangel bezeichnet (Merlo et al., 2015).

Das sind keine kranken Menschen aus einer Spezialklinik. Das sind normale Leute, die zufällig beim Hausarzt sassen. In der Schweiz. Mit Bergen, Sonne und einem exzellenten Gesundheitssystem.
Und der Wert schwankt massiv mit der Jahreszeit: Am Ende des Sommers liegen die Spiegel deutlich höher als am Ende des Winters – im Mittel rund 10 nmol/l Unterschied.
Warum ausgerechnet du besonders betroffen bist
Als Unternehmer, Geschäftsführerin oder Selbstständiger hast du ein Profil, das fast perfekt darauf ausgelegt ist, wenig Vitamin D zu bilden:
Du bist zwischen 10 und 15 Uhr – dem einzigen Fenster, in dem die UVB-Strahlung überhaupt stark genug ist – zuverlässig drinnen.
Deine Bewegung findet im Gym statt, nicht im Freien.
Glas blockiert UVB praktisch vollständig. Das Eckbüro mit Panoramafenster bringt dir dafür genau nichts.
Wenn du dich im Sommer draussen bewegst, dann meistens früh morgens oder abends – wieder ausserhalb des Fensters.
Das Ergebnis: Du bist gesundheitsbewusst, trainierst mehr als 90 % der Bevölkerung, und liegst trotzdem im Mangelbereich. Das ist kein Widerspruch. Das ist Statistik.
Was die Wissenschaft wirklich zeigt
Hier wird es interessant – und deutlich differenzierter, als es die Werbung für Vitamin-D-Tropfen suggeriert.
Warum dein Körper von Oktober bis März kein Vitamin D bilden kann
Das ist keine Meinung, sondern Physik. Damit deine Haut Vitamin D3 produziert, braucht sie UVB-Strahlung in einem bestimmten Wellenlängenbereich. Steht die Sonne zu flach am Himmel, wird dieser Anteil in der Atmosphäre herausgefiltert, bevor er den Boden erreicht.
Die klassische Untersuchung dazu stammt von Webb, Kline und Holick (1988). Sie zeigten: In Boston – auf 42,2° nördlicher Breite – produzierte menschliche Haut von November bis Februar kein messbares Vitamin D3, selbst an wolkenlosen Tagen. In Edmonton (52° N) verlängerte sich dieses Fenster von Oktober bis März.
Adliswil liegt auf rund 47,3° nördlicher Breite – zwischen diesen beiden Werten, deutlich näher an Edmonton als an Boston. Übertrage die Logik auf Zürich Süd, und du hast realistischerweise ein Fenster von etwa Oktober bis März, in dem deine körpereigene Produktion praktisch stillsteht.
Das gilt für Adliswil genauso wie für Thalwil, Horgen, Kilchberg, Rüschlikon, Langnau am Albis, Wollerau, Baar oder Zug. Die Höhenmeter helfen ein bisschen. Die Breitengrade nicht.
In diesen Monaten lebst du von dem, was du im Sommer eingelagert hast – plus dem, was du isst oder supplementierst. Mehr Optionen gibt es nicht.
Was Vitamin D für deine Muskeln tut – und was nicht
Jetzt zur Frage, die dich als Trainierenden am meisten interessiert: Macht Vitamin D dich stärker?
Die umfassendste Meta-Analyse dazu stammt von Beaudart et al. (2014) und fasste randomisierte kontrollierte Studien zusammen. Das Ergebnis ist ehrlich gesagt bescheidener, als viele hoffen:
Auf die globale Muskelkraft zeigte sich ein kleiner, aber statistisch signifikanter positiver Effekt.
Auf Muskelmasse zeigte sich kein signifikanter Effekt.
Auf Muskelleistung (Power) zeigte sich kein signifikanter Effekt.
Der Effekt auf die Kraft war deutlicher bei Personen über 65 Jahren und bei sehr tiefen Ausgangswerten unter 30 nmol/l.
Der letzte Punkt ist der entscheidende. Übersetzt heisst das: Vitamin D repariert einen Mangel. Es ist kein Kraftaufbaumittel.
Bei Sportlern wird das Bild noch klarer. Sist et al. (2023) analysierten elf randomisierte kontrollierte Studien mit 436 Athletinnen und Athleten. Ihr Fazit: Lag der Ausgangswert unter 75 nmol/l, hatte die Supplementierung einen kleinen Effekt auf Ober- und Unterkörperkraft. Lag er bei 75 nmol/l oder darüber, war der Effekt auf die Muskelleistung trivial.
Anders gesagt: Wer schon versorgt ist, gewinnt durch mehr Vitamin D nichts dazu. Der Nutzen wohnt ausschliesslich im Defizit.
Die grosse Zürcher Studie: Warum die Kapsel allein nichts bewegt
Und jetzt kommt die Studie, die in der Schweiz eigentlich viel bekannter sein müsste.
DO-HEALTH (Bischoff-Ferrari et al., 2020, JAMA) war ein dreijähriger, doppelblinder, placebokontrollierter Grossversuch mit 2'157 Teilnehmenden ab 70 Jahren in fünf europäischen Ländern, geleitet vom Universitätsspital Zürich. Getestet wurden drei Interventionen in einem faktoriellen Design:
2'000 IE Vitamin D3 täglich
1 g Omega-3-Fettsäuren täglich
ein einfaches Heim-Krafttrainingsprogramm, 3× 30 Minuten pro Woche
Das Ergebnis bei den sechs primären Endpunkten – Blutdruck, Frakturen, körperliche Leistungsfähigkeit, Kognition und Infektionsrate: keine statistisch signifikanten Vorteile für Vitamin D, Omega-3 oder das Heimprogramm bei diesen relativ gesunden, aktiven älteren Erwachsenen.
Lies das noch einmal. Die grösste europäische Studie zu diesem Thema, geleitet aus Zürich, fand für 2'000 IE Vitamin D täglich über drei Jahre keinen Effekt auf Knochen, Gedächtnis oder Muskelfunktion.
Es gab Nebenbefunde – Vitamin D senkte den systolischen Blutdruck bei Männern um rund 2,5 mmHg und reduzierte Infektionen bei den jüngeren Teilnehmenden (70 bis 74 Jahre) um etwa 16 %. Aber die grossen Versprechen? Nicht bestätigt.
Und das ist kein Ausreisser. VITAL, die amerikanische Parallelstudie mit 25'871 Teilnehmenden, fand nach über fünf Jahren mit 2'000 IE täglich keine Reduktion von Knochenbrüchen bei Erwachsenen, die nicht auf Mangel selektiert waren (LeBoff et al., 2022, NEJM). Eine weitere Auswertung derselben Studie mit 18'353 Teilnehmenden fand keinen Effekt auf Depression oder Stimmung (Okereke et al., 2020, JAMA).
Das ist die unbequeme Wahrheit: Wenn du bereits ausreichend versorgt bist, ist Vitamin D kein Performance-Hebel. Es ist eine Versicherung gegen einen Mangel, den du dann gar nicht hast.
Wo Vitamin D tatsächlich etwas bringt
Damit das nicht als Rundumschlag verstanden wird – es gibt einen Bereich mit belastbarer Evidenz.
Jolliffe et al. (2021) fassten in The Lancet Diabetes & Endocrinology 43 randomisierte Studien mit 48'488 Teilnehmenden zusammen. Ergebnis: Vitamin D senkte das Risiko akuter Atemwegsinfekte moderat, aber messbar. Der schützende Effekt zeigte sich vor allem bei täglicher Gabe im Bereich von 400 bis 1'000 IE über bis zu zwölf Monate – nicht bei seltenen Hochdosis-Bolusgaben.
Für dich als Führungskraft ist das nicht irrelevant. Zwei ausgefallene Verhandlungswochen pro Winter kosten dich mehr als jede Nahrungsergänzung. Aber beachte die Grössenordnung: moderat. Nicht "nie wieder krank".
Mehr ist nicht besser – die Hochdosis-Falle
Ein Muster, das ich bei High Performern regelmässig sehe: Wenn 1'000 IE gut sind, müssen 20'000 IE besser sein. Dieses Denken funktioniert im Vertrieb. In der Physiologie nicht.
Bischoff-Ferrari et al. (2016) randomisierten 200 Personen ab 70 Jahren mit vorangegangenem Sturz auf drei Dosierungen. Das Ergebnis nach zwölf Monaten: Die Gruppe mit monatlich 60'000 IE hatte eine höhere Sturzrate (rund 67 %) als die Gruppe mit monatlich 24'000 IE (rund 48 %) – bei gleichzeitig keinem Vorteil für die Funktion der unteren Extremitäten.
Höhere Dosis, schlechteres Ergebnis. Das ist der Punkt, an dem "viel hilft viel" nicht nur nutzlos, sondern kontraproduktiv wird.
Warum dein Körpergewicht die Dosis bestimmt
Ein technisches Detail, das fast immer übersehen wird: Vitamin D ist fettlöslich. Es verteilt sich im Fettgewebe – und je mehr davon vorhanden ist, desto stärker verdünnt sich dieselbe Dosis.
Ekwaru et al. (2014) werteten über 22'000 Messungen von 17'614 gesunden Erwachsenen aus. Ihre Empfehlung: Menschen mit Adipositas benötigen die zwei- bis dreifache Dosis, Menschen mit Übergewicht etwa die 1,5-fache Dosis im Vergleich zu Normalgewichtigen, um denselben Blutspiegel zu erreichen.
Das erklärt, warum zwei Führungskräfte dieselben Tropfen nehmen und völlig unterschiedliche Werte im Labor haben. Es liegt nicht an der Disziplin. Es liegt an der Verteilung.
Praxisbeispiele: Wie das bei Unternehmern konkret aussieht
Der Fall "Ich nehme doch schon was". Ein 46-jähriger Geschäftsführer aus Zug, seit drei Jahren täglich Vitamin-D-Tropfen aus dem Supermarkt. Trotzdem chronisch müde. Der Blick auf die Packung: 400 IE pro Dosis. Bei 104 kg Körpergewicht – rechnerisch etwa ein Drittel dessen, was er bräuchte, um überhaupt in den Zielbereich zu kommen. Das Präparat war nicht falsch. Die Dosis war es.
Der Fall "Der Wert ist doch normal". Eine 41-jährige Selbstständige aus Wollerau, Laborwert 58 nmol/l, vom Hausarzt als "im Normbereich" abgehakt. Gemessen wurde Ende August – am absoluten Jahreshoch. Sechs Monate später, im Februar, wäre derselbe Mensch mit hoher Wahrscheinlichkeit deutlich darunter gelegen. Ein einzelner Sommerwert sagt dir wenig über deinen Winter.
Der Fall "Es liegt am Vitamin D". Ein 52-jähriger Unternehmer aus Rüschlikon, überzeugt, dass sein Kraftverlust ein Vitamin-D-Problem sei. Wert: 71 nmol/l – vollkommen ausreichend. Das eigentliche Problem: fünf Stunden Schlaf, zwei Trainingseinheiten im letzten Monat und 1'400 kcal an Bürotagen. Nach zwölf Wochen strukturiertem Personal Training und angepasster Ernährung war die Kraft zurück. Die Vitamin-D-Dosis blieb unverändert.
Dieser dritte Fall ist der häufigste. Das Supplement wird zum Sündenbock für Dinge, die es nie beeinflusst hat.
Die häufigsten Fehler
Supplementieren ohne zu messen. Du weisst nicht, wo du stehst, also weisst du auch nicht, ob du etwas veränderst. Ein 25(OH)D-Wert kostet wenig und beendet das Rätselraten.
Nur im Sommer messen. Der aussagekräftige Zeitpunkt ist Februar oder März – der Jahrestiefpunkt. Ein Augustwert ist der Best Case, nicht dein Alltag.
Bolus statt täglich. Die Evidenz für den Infektschutz stammt aus täglichen Dosen im Bereich 400–1'000 IE, nicht aus monatlichen Megadosen (Jolliffe et al., 2021).
Hochdosis ohne Kontrolle. 20'000 IE täglich "zur Sicherheit" ist kein Sicherheitsnetz, sondern ein Risiko (Bischoff-Ferrari et al., 2016).
Dosis unabhängig vom Körpergewicht. 1'000 IE bedeuten bei 70 kg etwas anderes als bei 110 kg (Ekwaru et al., 2014).
Vitamin D als Ersatz für Training. DO-HEALTH hat ziemlich eindeutig gezeigt, dass die Kapsel allein bei ausreichend Versorgten wenig bewegt (Bischoff-Ferrari et al., 2020). Muskeln entstehen unter Last, nicht unter Tropfen.
Vom Supplement Dinge erwarten, die es nicht liefert. Kein Effekt auf Muskelmasse, keiner auf Power, keiner auf Stimmung in grossen Studien. Wer mehr erwartet, wird enttäuscht – und gibt dann oft gleich alles auf.

Dein konkreter Umsetzungsplan
Sieben Schritte, die du in dieser Reihenfolge abarbeiten kannst:
Miss deinen Ausgangswert. Lass 25(OH)D im Serum bestimmen – idealerweise im Spätwinter (Februar/März), weil das dein realistischer Tiefpunkt ist. Wenn du jetzt im Spätsommer misst, notiere dir den Wert als dein Jahreshoch und miss im Februar erneut.
Ordne den Wert richtig ein. Unter 50 nmol/l gilt als Mangel. Der Zielkorridor, in dem die Studien den grössten Nutzen zeigen, liegt darüber – ohne dass du 150 nmol/l anstreben müsstest. Mehr ist ab einem gewissen Punkt nicht mehr besser.
Wähle eine tägliche, moderate Dosis. Die Evidenzbasis liegt bei täglicher Einnahme im Bereich von etwa 400 bis 2'000 IE, nicht bei monatlichen Bolusgaben. Passe die Dosis an dein Körpergewicht an – bei deutlichem Übergewicht liegt der Bedarf 1,5- bis 3-fach höher.
Nimm es zu einer fetthaltigen Mahlzeit. Vitamin D ist fettlöslich. Die Kapsel zum Espresso auf nüchternen Magen ist die schlechteste Variante. Zum Frühstück mit Eiern oder zum Mittagessen ist besser.
Kontrolliere nach 8 bis 12 Wochen. Ein zweiter Laborwert zeigt dir, ob deine Dosis tatsächlich wirkt. Ohne diese Kontrolle rätselst du weiter.
Nutze den Sommer aktiv. Zwischen April und September ist deine Haut wieder produktionsfähig. Verlege ein Meeting nach draussen, geh mittags 20 Minuten spazieren, trainiere gelegentlich im Freien. Das ersetzt nicht alles – aber es füllt den Speicher, von dem du im Winter zehrst.
Setze den Hebel dort an, wo er wirklich ist. Die Kapsel korrigiert einen Mangel. Deine Kraft, deine Körperzusammensetzung und deine Energie entstehen woanders: durch progressives Krafttraining, ausreichend Protein und Schlaf. Wenn du das strukturiert angehen willst, ist genau das der Kern unseres Executive Coachings und des Ernährungscoachings im Private Gym in Adliswil.
Häufige Fragen
Ab welchem Wert habe ich wirklich einen Mangel?
Der in Studien am häufigsten verwendete Schwellenwert für Vitamin-D-Mangel liegt bei 25(OH)D unter 50 nmol/l – so wurde er auch in der Schweizer Hausarztstudie von Merlo et al. (2015) definiert, in der 59,2 % der untersuchten Patienten darunterlagen. Wichtig ist der Kontext des Messzeitpunkts: Ein Wert von 55 nmol/l Ende August ist etwas völlig anderes als derselbe Wert Ende Februar. Im ersten Fall bist du auf dem Jahreshoch und wirst über den Winter absinken; im zweiten Fall bist du am Tiefpunkt und der Wert wird sich von selbst verbessern. Deshalb ist ein einzelner Laborwert ohne Datum wenig aussagekräftig. Wenn du es ernst meinst, miss zweimal: einmal im Spätsommer, einmal im Spätwinter. Dann kennst du deine persönliche Bandbreite – und weisst, ob du überhaupt supplementieren musst oder nur in bestimmten Monaten.
Macht Vitamin D mich stärker im Training?
Nur dann, wenn du vorher wirklich im Mangel warst. Die Meta-Analyse von Beaudart et al. (2014) fand einen kleinen, aber signifikanten Effekt auf die globale Muskelkraft – aber keinen auf Muskelmasse und keinen auf Muskelleistung. Und der Effekt war am deutlichsten bei Menschen über 65 und bei sehr tiefen Ausgangswerten unter 30 nmol/l. Bei Athleten zeigte die Analyse von Sist et al. (2023) mit elf randomisierten Studien dasselbe Muster: kleiner Effekt auf Kraft, wenn der Ausgangswert unter 75 nmol/l lag – trivialer Effekt auf Power, wenn er darüber lag. Die praktische Übersetzung: Wenn du mangelversorgt bist, holst du dir mit der Korrektur ein Stück verlorene Leistung zurück. Wenn du bereits versorgt bist, bringt zusätzliches Vitamin D dir für den Kraftaufbau nichts. Der Hebel für mehr Kraft heisst progressive Belastung, nicht höhere Dosis.
Warum hat die DO-HEALTH-Studie nichts gefunden, wenn Vitamin D doch so wichtig ist?
Weil "wichtig" und "durch Supplementierung verbesserbar" zwei verschiedene Dinge sind. DO-HEALTH (Bischoff-Ferrari et al., 2020) untersuchte 2'157 relativ gesunde, aktive Menschen ab 70 in Europa über drei Jahre – geleitet vom Universitätsspital Zürich. Diese Teilnehmenden waren mehrheitlich bereits ordentlich versorgt. Wenn du einem versorgten System mehr von etwas gibst, das es schon hat, passiert wenig. Genau das ist das Muster, das sich durch die gesamte Vitamin-D-Forschung zieht: Der Nutzen entsteht bei der Korrektur eines Defizits, nicht bei der Aufstockung eines bereits normalen Werts. Vitamin D ist essenziell – ein echter Mangel hat reale Folgen. Aber essenziell heisst nicht, dass mehr davon dich verbessert. Das ist derselbe Denkfehler wie bei Wasser: lebensnotwendig, aber vier Liter machen dich nicht leistungsfähiger als zwei.
Kann ich meinen Bedarf im Sommer über die Sonne decken?
Teilweise ja – und deutlich besser, als die meisten Führungskräfte es tun. Zwischen etwa April und September steht die Sonne in Zürich Süd hoch genug, dass deine Haut Vitamin D3 produzieren kann. Das entscheidende Fenster liegt aber ungefähr zwischen 10 und 15 Uhr, also genau in deiner Kernarbeitszeit. Glas hilft nicht: UVB wird von Fensterscheiben praktisch vollständig geblockt, das Eckbüro mit Aussicht bringt dir null. Praktisch heisst das: 15 bis 20 Minuten mit unbedeckten Unterarmen draussen um die Mittagszeit, mehrmals pro Woche, sind ein realistischer Beitrag – ein Spaziergang zwischen zwei Terminen, ein Telefonat im Gehen. Von Oktober bis März ist diese Option praktisch weg. Webb et al. (1988) zeigten, dass schon auf 42° nördlicher Breite von November bis Februar keine messbare Produktion stattfindet; Adliswil liegt auf 47,3°, also noch ungünstiger.
Was ist mit Vitamin K2 – muss ich das dazu nehmen?
Die Kombination Vitamin D3 plus K2 wird viel beworben, mit dem Argument, K2 lenke Kalzium in den Knochen statt in die Gefässe. Das ist mechanistisch plausibel, aber die Evidenz aus grossen randomisierten Studien mit harten Endpunkten ist deutlich dünner als das Marketing suggeriert. Solange du dich in einem moderaten Dosisbereich bewegst – also nicht dauerhaft im fünfstelligen IE-Bereich – ist die Frage für dich praktisch wenig relevant. Mein Rat: Investiere die Energie, die du in die Optimierung der Supplement-Kombination steckst, lieber in die zwei Faktoren mit dem grössten belegten Effekt auf deine Knochendichte und Körperzusammensetzung – progressives Krafttraining und ausreichend Protein. Das ist unromantisch, aber es ist der Bereich, in dem die Evidenz eindeutig ist.
Ich fühle mich im Winter müde und antriebslos – ist das mein Vitamin D?
Möglicherweise – aber die Wahrscheinlichkeit ist geringer, als du denkst. Die grösste Studie zu genau dieser Frage (Okereke et al., 2020, JAMA) untersuchte 18'353 Erwachsene über fünf Jahre mit 2'000 IE täglich und fand keinen Effekt auf Depression oder Stimmungswerte. Das heisst nicht, dass Vitamin D für dein Wohlbefinden irrelevant ist – es heisst, dass die Kapsel dieses spezifische Problem in grossen Studien nicht gelöst hat. Bei Unternehmern und Führungskräften finden wir in der Praxis fast immer andere Treiber: zu wenig Schlaf, zu wenig Tageslicht am Morgen, zu wenig Bewegung, zu wenig Protein und zu viel chronischer Stress. Das sind unbequemere Baustellen als eine Tablette – aber es sind die, bei denen tatsächlich etwas passiert. Miss deinen Wert, korrigiere ihn, wenn er tief ist. Und such die Ursache dann trotzdem weiter.
Fazit
Vitamin-D-Mangel ist in der Schweiz real und häufig – fast 60 % in einer unselektierten Hausarztstichprobe lagen unter 50 nmol/l. Und weil Adliswil auf 47,3° Nord liegt, hast du von Oktober bis März faktisch keine körpereigene Produktion.
Also: Miss deinen Wert. Korrigiere ihn, wenn er tief ist. Täglich, moderat, angepasst an dein Körpergewicht.
Aber erwarte nicht mehr, als die Daten hergeben. Die grösste europäische Studie, geleitet aus Zürich, fand mit 2'000 IE täglich über drei Jahre keine signifikanten Vorteile bei Knochen, Kognition oder Muskelfunktion bei ausreichend versorgten Menschen. Vitamin D repariert ein Defizit. Es baut keine Muskeln, es macht dich nicht stärker, und es ersetzt kein Training.
Der ehrliche Satz, den du mitnehmen solltest: Die Kapsel schliesst eine Lücke. Deine Leistungsfähigkeit entsteht unter der Hantel.
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Wissenschaftliche Quellen
Merlo C, Trummler M, Essig S, Zeller A (2015). Vitamin D Deficiency in Unselected Patients from Swiss Primary Care: A Cross-Sectional Study in Two Seasons. PLOS ONE 10(9): e0138613. https://doi.org/10.1371/journal.pone.0138613 (PMID: 26372355)
Webb AR, Kline L, Holick MF (1988). Influence of season and latitude on the cutaneous synthesis of vitamin D3. J Clin Endocrinol Metab 67(2): 373–378. https://pubmed.ncbi.nlm.nih.gov/2839537/ (PMID: 2839537)
Bischoff-Ferrari HA, Vellas B, Rizzoli R, et al. (2020). Effect of Vitamin D Supplementation, Omega-3 Fatty Acid Supplementation, or a Strength-Training Exercise Program on Clinical Outcomes in Older Adults: The DO-HEALTH Randomized Clinical Trial. JAMA 324(18): 1855–1868. https://doi.org/10.1001/jama.2020.16909 (PMID: 33170239)
Beaudart C, Buckinx F, Rabenda V, et al. (2014). The Effects of Vitamin D on Skeletal Muscle Strength, Muscle Mass, and Muscle Power: A Systematic Review and Meta-Analysis of Randomized Controlled Trials. J Clin Endocrinol Metab 99(11): 4336–4345. https://doi.org/10.1210/jc.2014-1742 (PMID: 25033068)
Sist M, Zou L, Galloway SDR, Rodriguez-Sanchez N (2023). Effects of vitamin D supplementation on maximal strength and power in athletes: a systematic review and meta-analysis of randomized controlled trials. Frontiers in Nutrition 10: 1163313. https://doi.org/10.3389/fnut.2023.1163313
LeBoff MS, Chou SH, Ratliff KA, et al. (2022). Supplemental Vitamin D and Incident Fractures in Midlife and Older Adults. N Engl J Med 387(4): 299–309. https://doi.org/10.1056/NEJMoa2202106 (PMID: 35939577)
Okereke OI, Reynolds CF, Mischoulon D, et al. (2020). Effect of Long-term Vitamin D3 Supplementation vs Placebo on Risk of Depression or Clinically Relevant Depressive Symptoms and on Change in Mood Scores: A Randomized Clinical Trial. JAMA 324(5): 471–480. https://doi.org/10.1001/jama.2020.10224 (PMID: 32749491)
Jolliffe DA, Camargo CA, Sluyter JD, et al. (2021). Vitamin D supplementation to prevent acute respiratory infections: a systematic review and meta-analysis of aggregate data from randomised controlled trials. Lancet Diabetes Endocrinol 9(5): 276–292. https://doi.org/10.1016/S2213-8587(21)00051-6 (PMID: 33798465)
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Ekwaru JP, Zwicker JD, Holick MF, Giovannucci E, Veugelers PJ (2014). The Importance of Body Weight for the Dose Response Relationship of Oral Vitamin D Supplementation and Serum 25-Hydroxyvitamin D in Healthy Volunteers. PLOS ONE 9(11): e111265. https://doi.org/10.1371/journal.pone.0111265 (PMID: 25372709)



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